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Das historische Gedächtnis der Stadt I

Das historische Gedächtnis der Stadt I

Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig ist Schatzhaus und Zeitenbewahrer zugleich

Foto: Jürgen KunstmannZuerst geht es auf den Turm in über 30 Meter Höhe mit Blick auf den Markt und die Dächer der Innenstadt, dann hinab in den Untergrund. Im historischen Keller interessiert die kleine Ausstellung zur Leipziger Gerichtsbarkeit. Richt- und Folterinstrumente sind im unterirdischen Gewölbe zu besichtigen sowie zwei Gefängniszellen aus dem 13. Jahrhundert.



Eine kleine Gruppe Wissbegieriger folgt Elke Schaar, der Museumspädagogin, auf ihrer Führung durch das Alte Rathaus, einem architektonischen Mittelpunkt der Bürgerstadt Leipzig. Zu sehen ist der prächtige Festsaal, das Stadtmodell Leipzig um 1823, auch die historische Ratsstube in einem Innenraum von 8x8 Meter Größe mit kunstvoll geschnitzter Kassettendecke. Hier, sagt Elke Schaar, unterschrieb Johann Sebastian Bach seine Ernennungsurkunde zum Thomaskantor der Stadt etwa um 1723. Hier die Kammer mit dem Schatz der Kramer, und sehenswert auch der vor wenigen Tagen eröffnete Ausstellungsteil zur Siedlungsgeschichte und frühen Stadtwerdung Leipzigs – schauen Sie unbedingt mal rein...



All das ist eine empfehlenswerte Reise durch die Geschichte der Stadt Leipzig, die Appetit macht auf mehr. Wer sich Zeit nimmt, verliert sich leicht vor Vitrinen und Schaustücken. Für Eilige mit Kunstinteresse gibt es ein besonderes Angebot: Einmal im Monat – jeweils mittwochs – wird zum „Museum am Mittag – Punkt Eins“ eingeladen. Hier erfährt man Geschichte(n) an einem Original in ein wenig mehr als 15 Minuten: ein idealer Einstieg für alle, die alles etwas genauer wissen möchten – zeitlich leicht machbar und für einen schmalen Preis. [...]

Spuren in die Vergangenheit – Wege in die Zukunft

Spuren in die Vergangenheit – Wege in die Zukunft

Das Graphische Viertel gestern und heute

Buchhändlerhaus um 1940
Das Graphische Viertel östlich vor den Toren der Leipziger Innenstadt ist ein Stadtteil mit einer großen Geschichte. Vielen Leipzigern und Nicht-Leipzigern ist dies jedoch noch unbekannt. Touristen tummeln sich lieber in der Innenstadt, Studierende in der Südvorstadt, Künstler in Plagwitz und Familien in Schleußig. Ein Besuch im Graphischen Viertel ist dagegen bisher ein Geheimtipp und kommt einer Reise in die Vergangenheit gleich. Denn würde man die Zeit zurückdrehen in die Vorkriegsgeschichte der Stadt, würde man erstaunt feststellen, dass in den Straßen zwischen Bayerischem Bahnhof, Innenstadt, Gerichtsweg und dem Gelände des Hauptbahnhofs einst das geschäftige Leben eines der größten Verlagsstandorte Deutschlands pulsierte. Heute weisen nur noch viele Spuren auf diese Vergangenheit hin, doch wurden auch Wege in die Zukunft des Viertels der Bücher eingeschlagen.



Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Graphische Viertel zur Hochburg des Verlagswesens. Seine große Bedeutung erlangte es vor allem durch die Firmensitze namhafter Verlage. Vor dem II. Weltkrieg zählten zu ihnen beispielsweise Brockhaus, Reclam, das Bibliographische Institut, Baedeker, Gustav Kiepenheuer, der Insel Verlag, Alfred Kröner, Seemann, Rowohlt und die bedeutenden Musikverlage Breitkopf & Härtel, Friedrich Hofmeister sowie die Edition Peters. Daneben gingen noch viele hunderte mittlere und kleinere Firmen und Geschäfte ihrer Arbeit nach: Verlage, Buch- und Musikalienhandlungen, Antiquariate, Druckereien, Buchbindereien, Papierhandlungen und viele mehr – im Jahr 1900 waren insgesamt um die 2000 Firmen des Buchgewerbes im Graphischen Viertel angesiedelt! [...]

„Das höchste Ziel ist nicht immer die eigene Wohnung“

„Das höchste Ziel ist nicht immer die eigene Wohnung“

Das Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen in Leipzig

© Daniel Raßbach/rasani.design
Ein eisiger Januarabend in der Leipziger Südvorstadt – bekannt als Kneipenmeile und Szenestadtteil, den mittlerweile auch Besserverdienende für sich entdeckt haben. Wer würde hier ein Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen erwarten? Wohl kaum jemand. Die KiPPE hat der Einrichtung einen Besuch abgestattet.



Um hinein zu gelangen, muss man ein videoüberwachtes Eisentor passieren. Eine freundliche Frauenstimme fragt mich nach meinem Namen und dem Grund meines Kommens. Dann surrt der Türöffner und ein schmaler Weg – links ein Zaun, rechts eine Mauer, die mit Blumenmotiven verschönert ist – führt mich in den Garten vor das Haus. An der Eingangstür begrüßen mich zwei nette Mitarbeiterinnen. Meine Straßenschuhe müsse ich nicht ausziehen, nur kräftig abtreten bitte. Im Büro von Blanka Schuchardt, der Leiterin des Übernachtungshauses, ist es gemütlich und warm. Ein Sofa steht in der Ecke. Nur die Bildschirme mit der Übertragung der Videokameras vom Eingang, Flur und Treppenhaus weisen auf die Funktion des Übernachtungshauses und die damit verbundenen notwendigen Sicherheitsvorkehrungen hin.



Das Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen war ursprünglich ein städtisches Projekt. 1994 hat es der Advent-Wohlfahrtswerk e.V. in freier Trägerschaft übernommen. Seitdem ist auch Blanka Schuchardt dabei. Die heutige Leiterin des Projekts hat ursprünglich Theologie studiert. Als Dozentin für Sozialarbeiter ist sie zum ersten Mal mit dem Thema Obdachlosigkeit in Berührung gekommen, später auch als sie gemeinsam mit anderen Mitgliedern ihrer Kirchgemeinde ehrenamtlich eine Kleiderkammer aufgebaut hat. [...]

Obdachlos in Eiseskälte

Obdachlos in Eiseskälte

Wie sich die Wohnungslosenhilfe in Leipzig auf den „Jahrhundertwinter“ einstellte.

Foto: Anja Naumann
Die extreme Wettersituation der vergangenen Wochen und Monate machte nicht nur den Autofahrern und Küstenbewohnern zu schaffen. Für Menschen ohne ein sicheres Obdach stellen Minustemperaturen allgemein und arktische Kälte im Besonderen ständig lebensbedrohliche Gefahrenlagen dar. Wahrscheinlich verharrt auch deshalb das Medieninteresse weiter bei wohnungslosen Menschen, obwohl die Besinnlichkeit der Weihnachtszeit schon geraume Zeit Vergangenheit ist.



Folgende Fragen rücken immer in den Vordergrund: Wie betreibt die Kommune, in Leipzig zuständig die Abteilung Soziale Wohnhilfen des Sozialamtes, Vorsorge für obdachlose Menschen im Winter? Wer unterstützt obdachlose Menschen? Wie kann jeder Einzelne helfen? Diese Fragen stehen im direkten Zusammenhangn und sollen deshalb im Folgenden auch im Kontext beantwortet werden. Die Abteilung Soziale Wohnhilfen des Sozialamtes der Stadt Leipzig rechnet jedes Jahr damit, dass der Winter lang und kalt werden kann und wappnet sich entsprechend.



Wohnungslose Familien und Ehepaare werden grundsätzlich zur Beseitigung der Obdachlosigkeit in Gewährleistungswohnungen (und nicht in Gemeinschaftsunterkünfte) eingewiesen. Diese Praxis wird ganzjährig vorgehalten, so dass für diese Zielgruppe auch keine explizite Winterplanung erforderlich ist.



Für alleinstehende Wohnungslose finden die Wintervorbereitungen seit 2005 in sogenannten Winterprogrammen präventive Berücksichtigung. In gemeinsamen Absprachen legen alle maßgeblichen Leipziger Einrichtungen und Hilfestellen der Notunterbringung alleinstehender Wohnungsloser mittels Ressourcenmobilisierung und Ablaufplanungen im Vorfeld verbindlich fest, um wie viele Plätze die jeweiligen Einrichtungen ihre Bettenkapazitäten im Bedarfsfall aufstocken können. [...]

Eine Notschlafstelle ist kein Zuhause

Eine Notschlafstelle ist kein Zuhause


Das Verzeichnis der sozialen Dienste und Einrichtungen für wohnungslose Personen in der BRD „Wo + Wie“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. erfasst die meisten Einrichtungen der bundesweiten Wohnungslosenhilfe. Hier finden sich Bezeichnungen wie Hof, Heim, Wohnheim, Eingliederungsheim und Aufnahmeheim, seltener Übernachtungsstelle oder Aufnahmehaus. Die Bezeichnung Übernachtungshaus für Obdachlosen-Notschlafstellen habe ich nur in Leipzig gefunden.



Gesetzliche Grundlage



Die Übernachtungshäuser für volljährige, alleinstehende Männer und Frauen in Leipzig arbeiten hinsichtlich des Notübernachtungsauftrages nach dem Sächsischen Polizeigesetz. Die Generalermächtigung für polizeiliche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr sowie die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen werden in § 3, Abs. 1 und 2 vorgegeben. Jede Kommune hat als Ortspolizeibehörde die Pflicht, drohende Gefahren für das Leben und die Gesundheit von Obdachlosen abzuwehren. Wie die einzelne Kommune eingreift, obliegt ihrer eigenen Entscheidungskompetenz.



Wohnungslosigkeit – auch in hochentwickelten Ländern schon Normalität?



Wohnungslosigkeit ist kein Normal-, sondern ein absoluter Ausnahmezustand im Leben eines Menschen - gleichgültig, wo er seinen Lebensmittelpunkt hat! Der geschützte Raum einer eigenen Wohnung zählt zu den existentiellen Grundbedürfnissen. Wir leben in Deutschland nicht mehr in der Nachkriegszeit, wir haben keine verheerenden Naturkatastrophen zu verkraften, wir haben ein ausgefeiltes finanzielles und soziales Hilfesystem (und noch dazu ein auch den weniger Betuchten zugängliches Rechtssystem zur Inanspruchnahme der Unterstützungsangebote!) und wir haben immer noch, zumindest in weiten Teilen des östlichen Deutschlands, einen hohen Wohnungsleerstand für Einpersonenhaushalte. Da liegt es auf der Hand, dass es alleinstehenden Menschen in Leipzig primär an etwas Anderem mangeln muss, wenn sie über längere Zeit keine Wohnung anmieten können. [...]