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Im Tief nicht allein sein zu müssen

Im Tief nicht allein sein zu müssen

10 Jahre „Kriseninterventionsteam Leipzig e. V.“ (KIT)

altEgal wer wir sind, woher wir kommen und welcher Lebensentwurf für uns gezeichnet ist, neben dem unausweichlichen Tod vereint uns die Lebensaufgabe Krisen zu bestehen. Der Eine mehr, der Andere weniger, ganz sorgenfrei geht niemand durch die Welt. Brüche in unserem Leben sind Passagen, die wir durchwandern lernen. Doch es gibt auch Krisensituationen, die sind so plötzlich und heftig, dass unsere erlernten Verhaltensmuster versagen. Wo sie nicht mehr ausreichen, um das gerade Erlebte allein aufzufangen. Unser inneres Sicherungsnetz reißt. Bei Konfrontation mit dem plötzlichen Tod eines geliebten Menschen, nach Erfahrungen mit Gewalt oder bei Katastrophen. Die Bilder der Love-Parade-Tragödie von Duisburg gingen um die Welt und wirkten erschütternd, auch auf die Nichtteilnehmer.



Die Arbeit von KIT
Die Abläufe in Notfallsituationen der verschiedensten Art gleichen dann einem Räderwerk. Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte finden sich ein. Oftmals bieten sich ihnen schreckliche Bilder. Jeder hat klar definierte Aufgaben. Für Außenstehende ein scheinbar unübersichtliches Szenario. Und wenn die Akteure allmählich den Ort des Geschehens – eine Straßenkreuzung, einen Brandort oder eine Leipziger Wohnung – verlassen, dann sind nicht selten Opfer, Angehörige und Zeugen mit sich allein. Sie sind traumatisiert, wie auch so mancher Helfer.
Um in diesem Tief nicht allein sein zu müssen, sind die ehrenamtlichen Mitglieder des Krisenintenventionsteams Leipzig e. V. in unmittelbarer zeitlichen Nähe vor Ort und übernehmen die erste psychosoziale Betreuung. Ihr Leitspruch dabei: „Wir haben Zeit für Sie.“ Es geht darum, die akuten Belastungen bei den Betroffenen zu mindern, um mögliche psychische Folgeerkrankungen zu vermeiden. Und – ganz wesentlich, da der Einsatz einmalig ist – es wird, wenn nötig, an nachbetreuende Einrichtungen vermittelt. Der einzelne Betroffene wird nicht einer Psychotherapie unterzogen, sondern es geht darum, denjenigen in seinen ersten Reaktionen auf- und anzunehmen. Dabei spielt Trost ebenso eine Rolle, wie die erste Mobilisierung und Unterstützung der eigenen Ressourcen. [...]

„Ohne Gaffee genn mir nich gämmbfn“ ...

„Ohne Gaffee genn mir nich gämmbfn“ ...

Die Sachsen und ihr Lieblingsgetränk / Die kleine Ausstellung im Kaffeehaus „Zum Arabischen Coffe Baum“

altEs ist eine schier unverbrüchliche und leidenschaftliche Freundschaft: die Sachsen und ihr „Schälchen Heeßen“! Was dem Berliner sein Bier, dem Rheinländer sein Wein ist dem Leipziger der Kaffee! Und das mit langer Tradition, wie die Exponate in den Museumsräumen im „Zum Arabischen Coffe Baum“ in der Leipziger kleinen Fleischergasse No. 4 auf vergnügliche und vielseitige Weise belegen.



In dem 1556 erstmalig urkundlich erwähnten kultur- und kunstgeschichtlichen Baudenkmal innerhalb des Ringes wird seit 1711 nachweislich Kaffee ausgeschenkt.
Es gehört damit neben dem „Café Procope“ im 6. Arrondissement in Paris zu den ältesten Kaffeeschänken Europas. Das farbig bemalte und reichlich vergoldete Hauszeichen aus dem Jahre 1720 gab dem „am Barfüßer Gäßgen gelegene Haus“ mit Kaffee- und Bierausschank seinen Namen: Die barocke Steinmetzarbeit zeigt einen festlich aufgeputzten Osmanen, der einem kleinen Amor eine Schale Kaffee reicht – und symbolisiert damit ein bedeutendes Kulturgeschenk des Orients an das christliche Europa! Wenn auch – vielleicht? – nur Legende, erhält sich folgende delikate Geschichte: Spender der Portalplastik sei kein Geringerer gewesen als Kurfürst August der Starke – als Dank für schöne Liebesstunden, die er mit Wirtin Lehmann einst verbrachte... Fest jedoch steht: Das Motiv der Portalplastik ist einmalig – weltweit ohne Vorbild und Vergleich!
Elke Schaar, sachkundige Führerin beim Rundgang durch den Kaffeebaum (wie es im Leipziger Alltagssprachgebrauch verkürzend heißt) berichtet zur Baugeschichte: „Das zeitgleich mit dem Alten Rathaus errichtete repräsentative Haus steht bis heute auf dem ursprünglichen Platz. Durch den völligen Um- und Ausbau von Vorder- und Seitengebäude, die 1703 „auf die alten Gründe gesetzet“, 1718/19 um ein weiteres Stockwerk erhöht und mit einer repräsentativen Fassade versehen wurden, entstand das barocke Bürgerhaus im Wesentlichen so, wie es nach der Restaurierung und Sanierung 1994 bis 1998 wieder erlebbar ist. Vorder- und Hinterhaus sind vier Stockwerke hoch, im Erdgeschoss und ersten Stock gibt es urige Restaurants mit bestem kulinarischen Ruf. In den darüber liegenden ehemaligen Wohngebäuden finden sich Cafés im historischen Ambiente sowie die Ausstellungsräume des Stadtgeschichtlichen Museums. Etwa 10 Zimmer insgesamt befinden sich auf jeder Etage. Sie sind klein und nur über weitere Stiegen erreichbar.“ In insgesamt 15 Räumen präsentiert das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig seit 1999 in einer liebevoll zusammengetragenen Präsentation Exponate aus 300 Jahren sächsischer Kaffeekulturgeschichte. Das sind neben zeitgeschichtlichen Dokumenten, Stichen und anderen Kunstwerken Kaffeemühlen, Meissener Kaffeeporzellan, Kaffeetassen, Röstgeräte oder Kaffeezubereitungsgefäße. Zu einer kostenfreien Führung wird jeweils mittwochs, 11 Uhr eingeladen. Die Museumsräume stehen an den übrigen Tagen offen und können auch individuell besichtigt werden. [...]

Seumes Schwester in Rückmarsdorf

Seumes Schwester in Rückmarsdorf

alt200 Jahre ist es her, seit der Leipziger Bürger Johann Gottfried Seume, der kritisch-aufklärerische Dichter, der große Wanderer und Gerechtigkeitsfanatiker in Teplitz starb.


Die Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig gedachte seiner in einer Reihe von Veranstaltungen zu diesem Anlaß. Auch der Heimatverein Rückmarsdorf hatte zu einer Gedenkveranstaltung für Sonntag, den 13. Juni, den Todestag Seumes, eingeladen. Zwar wird sich der Dichter wahrscheinlich kaum einmal in diesem einstigen Bauerndorf aufgehalten haben, aber für seine Schwester Johanna Regina wurde es in der Zeit nach seinem Tode zur zweiten Heimat. Dazu kam es in folgendem Zusammenhang:


Die Familie Seume besaß in der Mitte des 18. Jh. einen Bauernhof in Poserna in der Nähe von Lützen. Der Vater Andreas Seume, Böttcher und Landwirt, geboren 1739, hatte 1760 dort Regina Christine Liebing geheiratet, und sie bekamen sieben Kinder, von denen fünf bereits um 1790 nicht mehr am Leben waren. Johann Gottfried Seume selbst, eines von ihnen, wurde ja auch nur 46 Jahre alt, seine Schwester wurde in Rückmarsdorf 57. Sie hatte im Mai 1797 in Poserna Johann David Oehme aus Waldkirchen geheiratet, einen Müllerburschen und Landwirt, der in Poserna zu dieser Zeit die Dorfschänke „Zum blauen Krug“ mit Bauernwirtschaft übernahm.
Seine Schwiegereltern Andreas Seume und Regina geb. Liebing waren zuvor bereits 1771 mit ihren Kindern von Poserna nach Knautkleeberg gezogen, wo der Vater bereits 1776 starb. Seine geliebte Mutter hat Johann Gottfried Seume später dort stets besucht, wenn er in Leipzig weilte bzw. dorthin zurückgekommen war. 1798 zog sie sechzigjährig zur Familie ihrer Tochter nach Poserna zurück. [...]

Sommerfrische 1785 im Dörfchen Gohlis

Sommerfrische 1785 im Dörfchen Gohlis

Das Schillerhaus in der Leipziger Menckestraße

altWeiß Gott: Das war keine gute Zeit für den mit seinem Jugendwerk „Die Räuber“ landauf und landab bereits bekannten und gefeierten Friedrich Schiller (1759 bis 1805). Nicht nur, dass sein Vertrag als Theaterdichter in Mannheim 1784 gekündigt wurde und sein Mannheimer Verleger ihn um die Tantiemen betrug – er erkrankte zudem schwer und war so gut wie mittellos. So befand er sich durchaus in einer Lebenskrise, als ihn – gerade 25jährig – zu eben jener Zeit ein Päckchen aus Leipzig erreichte. Absender war der Freundeskreis um Christian Gottfried Körner aus Leipzig (heute würde man sagen: der messestädtische Schiller-Fanclub), es enthielt Briefe und Geschenke – vor allem aber eine sehr herzliche Einladung Körners an den Dichter, als sein von ihm außerordentlich verehrter Gast nach Leipzig zu kommen. Natürlich nahm Schiller dieses freundliche Angebot an. In einer sehr beschwerlichen neuntägigen Kutschfahrt erreichte er zur Ostermesse 1785 die Stadt. Hier logierte er zunächst im „Gasthaus zum Blauen Engel“ in der Petersstraße, danach im „Gasthaus Zum kleinen Joachimsthal“ und flüchtete dann, dem Angebot Körners folgend, in die Sommerfrische nach Gohlis.



Leipzig – so muss man wissen – zählte zu jener Zeit ca. 30 000 Einwohner (die immerhin die Auswahl hatten unter sieben Theatern!!). Die Stadt, eng begrenzt um den Ring platziert, war stickig (die Latrinen!), hatte verwinkelte Gassen und war in den Sommermonaten heiß und sehr belastend. Wer immer es sich leisten konnte, suchte sich ein Refugium in den umliegenden Dörfern. „Wem es wohl ist“ (= wer es sich leisten konnte), zitiert man noch heute wissend, „zieht nach Gohlis“. Das war nur eine Kutschfahrt von etwa dreißigminütiger Dauer oder gar eine Bootstour entlang dem damaligen Verlauf der Pleiße. So gründete zum Beispiel auch Kaufmann Richter, der Bürgermode „Sommerfrische“ folgend, 1756 das „Gohliser Schlößchen“. Aber auch die gewitzten Bauern der Umgebung waren nicht tatenlos: Sie bauten Urlaubsquartiere für die Gäste aus der Stadt. Das tat auch Bauer Schneider, Eigentümer des vorletzten Gutes, einem 3-Seiten-Gehöft. Das ursprüngliche Wohnstallhaus wurde zum Gäste-Wohnhaus umgebaut und erhielt einen Giebelaufsatz. Hier, in der nach ihm heute benannten Stube mit separatem winzigen Schlafraum, verbrachte Schiller glückliche Sommermonate von Mai bis September 1785. [...]

Kindheit und Familie

Titelthema: Kindheit und Familie 2010

altIch bin ein Kind der frühen 1980er Jahre. Am Tag meiner Geburt wurde meine Mutter auf dem Gang der Leipziger Universitätsklinik „zwischengelagert“, weil das Personal nicht nachkam, sich um die vielen „niederkommenden“ Mütter zu kümmern. Dass ich nicht in die Kinderkrippe ging, war eine Ausnahme. Einen Krippenplatz hätten meine Eltern ohne Probleme für mich bekommen. Ich wuchs mit meiner Freundin aus dem Nachbarhaus auf. Wir verbrachten viel Zeit auf dem Innenhof, wo wir mit den Sachen spielten, die wir vorfanden: Der Teppichausklopfer war unser Klettergerüst, aus alten Brettern bauten wir uns Buden. Mit unseren Puppenwagen oder Fahrrädern stromerten wir durch die nähere Umgebung: Gartensparte, Auwald, Nachbarhöfe – so lange bis es Essen gab. Oft aßen und übernachteten wir auch bei der jeweils anderen und spielten dann in der Wohnung weiter: Schule, Bibliothek, Kaufmannsladen. Wir unternahmen fiktive Abenteuerreisen und studierten ausgedachte Tänze ein, stundenlang. Unsere Eltern hatten spätestens 16 Uhr Feierabend und sind heute noch verheiratet. Wir hatten eine schöne Kindheit. Und wir waren sicher kein Einzelfall.




Auch heute haben viele Kinder eine schöne Kindheit, doch scheinen sich die Rahmenbedingungen für Familien verändert zu haben: Die deutlichste Veränderung ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen selbst. In Leipzig hat sie sich aufgrund des so genannten „Wendeknicks“ in der Geburtenrate seit 1990 um mehr als 40% reduziert. Mittlerweile steigt die Tendenz wieder leicht. Solch eine Entwicklung hat natürlich auch Folgen: Vielleicht ist heute deshalb beispielsweise ein verringertes Verständnis für Kinder zu beobachten. Manche Erwachsene sind schlicht nicht mehr an höhere Geräuschpegel, das Bedürfnis sich auszutoben und die Neugier von Kindern gewöhnt, da Familien mit Kindern zur Minderheit geworden sind. Auf der anderen Seite erfahren Familien heute große staatliche Unterstützung, etwa durch Steuerfreibeträge und seit 2007 auch durch das Elterngeld. Allerdings deuten sich in diesem Bereich ob der Sparzwänge der derzeitigen Regierung Kürzungen vor allem für arbeitslose Eltern an, was einen tiefen Einschnitt in den Sozialstaat bedeuten würde. Doch bleibt die tatsächliche Entwicklung hier noch abzuwarten. Abgesehen davon wird der Familienlastenausgleich – trotz Verbesserungen in den letzten Jahren – von Experten immer noch als unzureichend angesehen. [...]