logo2016

Wendepunkte

Titelthema: Wendepunkte

Auf dem Weg zur Demokratie

Foto: Archiv Bürgerbewegung Leipzig
Das 20jährige Wendejubiläum ist derzeit allgegenwärtig. Kaum eine Zeitung, ein Magazin, ein Fernseh- oder Radiosender, die dazu keine Beiträge veröffentlichen. Zeitzeugen werden befragt, unzählige Veranstaltungen in Leipzig wollen an das historische Ereignis erinnern. Selbst Reisen zum Schauplatz der Friedlichen Revolution werden angeboten. Doch was steckt dahinter? Ein authentischer Umgang mit Geschichte oder auch ein Stück Verklärung sowie Vermarktungs- und Anerkennungsbestrebungen als so genannte „Heldenstadt“ der Wende? Fakt ist, die Art und Weise wie das Jubiläum begangen wird, ruft auch Kritiker auf den Plan. Die KiPPE möchte mit dem Titelthema dieser Ausgabe die Leipziger Ereignisse des Herbstes 1989 aus verschiedenen Perspektiven Revue passieren lassen und danach fragen, auf welche Weise sie heute noch wirken.








Einen wichtigen Einfluss auf die Ereignisse in Leipzig vor 20 Jahren hatten zweifellos die Reform- und Modernisierungsprozesse Glasnost und Perestroika, die in der Sowjetunion in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre durch Michail Gorbatschow eingeleitet wurden. Mehrere Staaten des Ostblocks nutzten die schwindende Einflussnahme der UdSSR und führten Reformen durch. Die Regierung der DDR hielt jedoch ungeachtet dessen weiterhin an ihrem Kurs fest. Im Sommer 1989 nutzten viele DDR-Bürger den Weg über Ungarn und die Tschechoslowakei, die ihre Beziehungen zum Westen gerade neu überdachten, zur Flucht in den Westen und sorgten so international für große Aufmerksamkeit.
Schon viele Jahre zuvor hatte es in der DDR vereinzelt Versuche von verschiedenen Gruppen gegeben, das Land zu verändern. Die meisten Oppositionellen verfolgten Ziele zur Reform und Demokratisierung des bestehenden Sozialismus. [...]

„Mein Leben verdanke ich..."

„Mein Leben verdanke ich der Tatsache, dass ich trocken bin!“

Die Anonymen Alkoholiker helfen Menschen, die nüchtern bleiben wollen.

Foto: Uwe Steinbrich/PIXELIO
Alkohol ist eine Gesellschaftsdroge. Sein Konsum ist fest verankert in vielen sozialen Konventionen und Festlichkeiten: Getrunken wird bei Familienfeiern, Firmenjubiläen, Staatsempfängen – kaum ein Rahmen, in dem Alkoholkonsum tabu ist. Ralf hat sein erstes Glas als Jugendlicher auf einem Ball getrunken: „An dem Abend trank ich gleich sehr viel. Damals war ich schüchtern, mit den Mädchen lief es nicht so gut. In der Beziehung schien mir der Alkohol zu helfen. Meine Hemmungen waren verschwunden, was lag da näher als des Öfteren zu trinken?“ Darauf folgten 25 Jahre, in denen Alkohol immer präsent war: „Zunächst war es nicht so, dass ich ständig betrunken war,“ erzählt Ralf, „sondern wie jeder andere habe ich zu Geselligkeiten, bei Skatabenden Bier und Schnaps getrunken, nicht ständig, aber immer öfter und regelmäßig.“ Irgendwann benötigte Ralf täglich zwei und mehr Flaschen Schnaps, um überhaupt den Tag überstehen zu können. Die Folgen dieser Sucht waren: Seine Frau trennte sich, er zog aus der gemeinsamen Wohnung aus, machte Schulden, verlor Arbeit sowie Führerschein. Dennoch war er immer noch überzeugt, er könne den Alkohol beherrschen und lernen, das Trinken zu kontrollieren. Nach vielen „kalten“ Entzügen zu Hause mit körperlichen Zusammenbrüchen folgte eine Langzeittherapie. [...]

Auf dem Weg zur Klangkultur

Auf dem Weg zur Klangkultur

Der Leipziger Chor La Bohème

Sarie Teichfischer, Organisatorin des Chors
Motorrad fahren und nach Acapulco laufen. Bei den Proben des Leipziger Chor La Bohème geht es sportlich zu. Um die nötige Lockerheit der circa 40 Mitglieder zu erreichen, beginnt Chorleiter Michael Reuter das Training mit Klang- und Bewegungsübungen. Durch seine lebendige und humorvolle Art gelingt es dem promovierten Musikwissenschaftler die Laiensänger rasch aus der Reserve zu locken.
Allerdings handelt es sich hierbei nicht um ganz gewöhnliche Musizierende. Die Mehrheit der Beteiligten ist erwerbslos, aber auch Rentner und Studenten befinden sich unter den Singenden. Der Chor La Bohème wurde vom Leipziger Chorverband e.V. ins Leben gerufen, mit dem Ziel Arbeitslose zu integrieren und schließlich der Öffentlichkeit das Werk gemeinsamer Anstrengung zu präsentieren. Als am 25. August dieses Jahres die zweimal wöchentlich stattfindenden Proben begannen, war sich jedoch niemand sicher, ob sich überhaupt genug Interessenten melden würden. “Wir sind sehr zufrieden mit der jetzigen Anzahl der Leute. 40 ist eine gute Größe um das ganze übersichtlich zu halten und gleichzeitig eine singfähige Truppe zu haben“, berichtet Sarie Teichfischer, die für die Organisation des Chors zuständig ist. [...]

Spicker, Kreide, Tintenklecks

Spicker, Kreide, Tintenklecks

© Nicole Riegert
Wie für die ABC-Schützen in diesen Tagen hat Schule für uns alle im Leben einmal einen wichtigen Stellenwert gehabt. Im Titelthema dieser Ausgabe möchten wir dem nachgehen und haben deshalb eine erfahrene Lehrerin und eine erst kürzlich in den Schuldienst eingetretene Kollegin sowie eine Schulanfängerin zu ihren Erfahrungen bzw. Erwartungen befragt. Darüber hinaus riskieren wir im Leitartikel einen Blick auf die Leipziger Schullandschaft sowie das sächsische Bildungssystem und stellen das Schulmuseum Leipzig, das Schulgeschichte ganz lebendig vermittelt, vor.







Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir



Wie vielen Generationen von Schulkindern wurde diese Volksweisheit wohl schon in Hinblick auf die große Tragweite der Schulzeit ermahnend mit auf den Weg gegeben? Dabei ist sie selbst den Kleinsten bereits bewusst: Die Schulanfängerin Hanna, die wir für unser Titelthema befragt haben, weiß, „ohne Schule könnte man, wenn man groß ist, gar nicht lesen und schreiben.“ Schule soll folglich bilden, Fähigkeiten und Wissen für das „Erwachsenen-Leben“ vermitteln und damit den Grundstein für das zukünftige Berufsleben legen. Doch bedeutet Schule noch viel mehr: Den von uns interviewten Lehrerinnen ist beispielsweise auch die Vermittlung von demokratischem, sozialem und kulturellem Grundverhalten wichtig.Und dann gibt es noch all die vielen Dinge, die in der Regel in die Zeit fallen, in der wir die Schulbank drücken. [...]

Als würde man nicht existieren

Als würde man nicht existieren

Straßenkinder in Buenos Aires

© Kathrin Schadt
Hatten Sie als Kind frische Kleidung und ein Bett? Sind Sie in die Schule gegangen und wussten nach dem Läuten, wo Ihr Zuhause ist? Schön. Haben Sie mit zehn Klebstoff geschnüffelt oder sich um Ihre Schuhe prügeln müssen? Nein? Glück gehabt. Denn das ist der Alltag argentinischer Straßenkinder. Kathrin Schadt hat vier Jahre lang das Schicksal von Straßenkindern verfolgt, die Hilfe in einem Kinder- und Jugendzentrum in der argentinischen Hauptstadt suchen.



Alejandra (Januar 2004)
Auf der Florida, der größten Einkaufsstraße in Buenos Aires, hat ein alter Mann wie selbstverständlich sein Lager am Straßenrand aufgeschlagen. Auf einer zerfledderten Matratze schläft er am helllichten Tag in einem Hauseingang mit einer ramponierten Kinderpuppe im Arm. Ein paar Meter weiter setzt sich ein Mädchen auf den Boden. Sie trägt einen Zopf, die Haare darunter sind rasiert und wieder etwas nachgewachsen, ihre Hände sind schmutzig, die Fingernägel abgekaut. Sie setzt sich, um das zu tun, was sie jeden Tag tut: die Leute um ein paar Peso anbetteln. Sie ist 15, hat eine Schwester, die auch auf der Straße lebt und irgendwo noch eine Oma. Sie rutscht langsam mit dem Rücken an einer Hauswand nach unten, weil sie schwer zu tragen hat - ihr nackter Bauch wölbt sich unter ihrem engen Oberteil über ihre locker sitzende Jogginghose. Sie ist im siebten Monat schwanger. [...]