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Kindheit und Familie

Titelthema: Kindheit und Familie 2010

altIch bin ein Kind der frühen 1980er Jahre. Am Tag meiner Geburt wurde meine Mutter auf dem Gang der Leipziger Universitätsklinik „zwischengelagert“, weil das Personal nicht nachkam, sich um die vielen „niederkommenden“ Mütter zu kümmern. Dass ich nicht in die Kinderkrippe ging, war eine Ausnahme. Einen Krippenplatz hätten meine Eltern ohne Probleme für mich bekommen. Ich wuchs mit meiner Freundin aus dem Nachbarhaus auf. Wir verbrachten viel Zeit auf dem Innenhof, wo wir mit den Sachen spielten, die wir vorfanden: Der Teppichausklopfer war unser Klettergerüst, aus alten Brettern bauten wir uns Buden. Mit unseren Puppenwagen oder Fahrrädern stromerten wir durch die nähere Umgebung: Gartensparte, Auwald, Nachbarhöfe – so lange bis es Essen gab. Oft aßen und übernachteten wir auch bei der jeweils anderen und spielten dann in der Wohnung weiter: Schule, Bibliothek, Kaufmannsladen. Wir unternahmen fiktive Abenteuerreisen und studierten ausgedachte Tänze ein, stundenlang. Unsere Eltern hatten spätestens 16 Uhr Feierabend und sind heute noch verheiratet. Wir hatten eine schöne Kindheit. Und wir waren sicher kein Einzelfall.




Auch heute haben viele Kinder eine schöne Kindheit, doch scheinen sich die Rahmenbedingungen für Familien verändert zu haben: Die deutlichste Veränderung ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen selbst. In Leipzig hat sie sich aufgrund des so genannten „Wendeknicks“ in der Geburtenrate seit 1990 um mehr als 40% reduziert. Mittlerweile steigt die Tendenz wieder leicht. Solch eine Entwicklung hat natürlich auch Folgen: Vielleicht ist heute deshalb beispielsweise ein verringertes Verständnis für Kinder zu beobachten. Manche Erwachsene sind schlicht nicht mehr an höhere Geräuschpegel, das Bedürfnis sich auszutoben und die Neugier von Kindern gewöhnt, da Familien mit Kindern zur Minderheit geworden sind. Auf der anderen Seite erfahren Familien heute große staatliche Unterstützung, etwa durch Steuerfreibeträge und seit 2007 auch durch das Elterngeld. Allerdings deuten sich in diesem Bereich ob der Sparzwänge der derzeitigen Regierung Kürzungen vor allem für arbeitslose Eltern an, was einen tiefen Einschnitt in den Sozialstaat bedeuten würde. Doch bleibt die tatsächliche Entwicklung hier noch abzuwarten. Abgesehen davon wird der Familienlastenausgleich – trotz Verbesserungen in den letzten Jahren – von Experten immer noch als unzureichend angesehen. [...]