logo2016

Mit Horn und Hellebarde

Nachtwächter ehrenhalber sind ein Völkchen für sich. Auf abendlichen Stadtrundgängen mit ihnen geht es nicht bierernst zu, da wird Geschichte mit Geschichten gewürzt und verbreitet. Bei Anekdoten und manchen Schnurren haben sie die Lacher auf ihrer Seite. Und wenn sie mal unter sich sind wie im vorliegenden Fall zu einem besonderen Anlass, dann geht es nochmal so hoch her.

Text & Foto: Björn Wilda


Als Thomas Reininger rief, kamen sie alle. Und war der Weg noch so lang. Die weiteste Anfahrt mit fast 700 km hatte Werner Hämmerle aus Bludenz im Vorarlberg (Österreich) hinter sich. Ziel Markkleeberg und dort das Torhaus. Mit dem 68-Jährigen kamen gleich über zwanzig weitere illustre Gäste aus Deutschland und Österreich, um Thomas Reininger zu huldigen. Was sie alle vereint: Sie gehören der Gilde der Nachtwächter an. Zumeist haupt- oder ehrenamtlich. Der gebürtige Leipziger feierte mit seinen geladenen „Kollegen“ sein zehnjähriges Dienstjubiläum im Zeichen von Filzhut, Horn, Hellebarde und Laterne. Ähnlich kostümiert und ausstaffiert seine Gäste, die es auch mal ordentlich krachen ließen mit Blashornsignalen, Sprüchen und unernsten Gesängen.
Der frühere Galvanotechniker Thomas Reininger war über viele Jahre hinweg mit Erwachsenen-Schulung beschäftigt. So lag es für ihn nahe, sich nach seinem Berufsleben mit Stadtführungen zu beschäftigten und nun auf nicht ganz so seriöse Art und Weise als Leipziger Nachtwächter Wissen und Histörchen zu vermitteln. Oder auch mal als Postmeister mit Dreispitz und im Livree in Markkleeberg mit Touristen unterwegs zu sein. Aber bis es dazu kam, bedurfte es noch eines Anstoßes von außen…

Nun also Markkleeberg als Ort dieses besonderen Treffens. Es geht familiär zu. Reiningers Ehefrau Jutta als gewandetes Nachtwächterweib ist ebenfalls dabei, so wie andere Gattinnen in ähnlicher Aufmachung mit Häubchen und Schürze oder im Dirndl. Nur Anna Glossner aus Berchtesgaden fällt da aus der Rolle. Die agile 70-Jährige trägt das auffällig farbige Gewand eines Landsknechts, das ausladende Barrett mit Federschmuck ist der Hingucker.
„Ihr lieben Leute“, lässt schließlich der Berufsjubilar in der aufmerksamen Runde in passender Diktion verkünden, „lasst euch sagen, dass euer Kommen an diesem historischen Orte mir ungeheure Freude bereitet!“ [...]

Unser süßes Leben

Der Zucker und seine vielen Gesichter

Die nächste Advents- und Weihnachtszeit steht vor der Tür. Und damit die Zeit besonders vieler süßer Versuchungen. Allein der Geruch von Plätzchen, Stollen & Co. ist zu verlockend. Klar, Zucker gehört dazu, und oft nicht zu wenig. Zucker-Zeiten eben. Doch neben Fett wird wohl über kein Nahrungs- bzw. Zusatzmittel so heftig und auch widersprüchlich reflektiert wie über Zucker. Es geht nicht darum, ihn zu verdammen. Obwohl er inzwischen mit einer Droge gleichgesetzt wird. Die Herkunft und der Gebrauch macht’s.

Zusammenstellung und Text: Björn Wilda & Foto: BirgitH_pixelio.de


Von Nasir-i Chusrau, einem persischen Dichter und Philosophen des Mittelalters, stammt der Spruch: „Die Welt scheint schmackhaft, schmeckst du einmal sie, wie Milch und Zucker und wie Mandeln süß. Doch dem Vernünft‘gen scheinen ihre Reize wie Gift und Galle, wenn er sie dann schluckt.“ Wir können wohl davon ausgehen, dass der weitgereiste Mann zu jener Zeit noch nichts wusste (oder doch?) über die Gefahr des Süßen im medizinischen Sinne – jedoch über Gefahren in der Welt schlechthin. Zucker ist wichtig für den menschlichen Organismus – wie Fette oder Vitamine. Doch Zucker ist eben nicht gleich Zucker. Zucker kommt in verschiedenen Arten, Formen, Körnungen und Bezeichnungen vor. Er wird aus Pflanzen gewonnen und besteht größtenteils aus Saccharose. Daher leitet sich auch der Name „Zucker“ ab. Wir kennen den üblichen Zucker aus zwei Quellen (wenn man mal von Fruchtzucker absieht): aus der Rübe und aus dem Rohr. Wobei alles mit Letzterem begann. Zuckerrohr gelangte schon 6000 v. Chr. von Polynesien und Ostasien nach Indien und Persien. Bei den alten Römern sowie im Mittelalter war Zucker noch ein absoluter Luxusartikel und blieb daher nur den Reichen vorbehalten. La dolce vita für den Patrizier, für den Adligen, für den Kleriker.

So richtig in Schwung kam die Zuckerproduktion in großem Stil mit der Kolonialisierung. Überall, wohin die Europäer ihre Füße setzten, wurden auch Zuckerrohrplantagen angelegt, hauptsächlich jedoch auf den Westindischen Inseln. Das Übersee-Geschäft mit dem „weißen Gold“ blühte. Begehrtes hatte seinen Preis. Da entdeckte Mitte des 18. Jh. ein gewisser Andreas Marggraf, seines Zeichens ein Berliner Chemiker, dass die heimische Runkelrübe einen gewissen Zuckergehalt in ihrem Fleisch enthält und dass Zucker aus Zuckerrohr und aus Rübe chemisch identisch ist. Und wieder war es ein Berliner, in diesem Fall Marggrafs Schüler Franz Carl Achard, der fünfzig Jahre später die Technik zur Herstellung von Rübenzucker entwickelte. Ihm verdanken wir 1802 dann auch die weltweit erste Rübenzuckerfabrik, sie stand in Schlesien, was damals zu Preußen gehörte. Achards Engagement war durchaus auch ethisch motiviert. Er hasste die Sklaverei, die mit der Plantagenwirtschaft in den Kolonien verbunden war. Zudem hatte Napoleons Kontinentalsperre gegenüber englischen Waren dafür gesorgt, dass sich der Zuckernachschub aus Übersee nach und nach auflöste wie Würfelzucker im Kaffee. Das war für Europa die Stunde der Rübe. Doch noch gaben sich die englischen Zuckerbarone, die ihr Monopol bedroht sahen, nicht geschlagen. Sie versuchten es wie so oft mit Bestechung: So sollen sie Achard bis zu 200 000 Taler für den Fall geboten haben, wenn er seine Versuche ad acta legen würde. Von dem Geld hätte der wackere, bis 1821 lebende Achard ganz gut leben können. Zum Vergleich: Als Weimarer Geheimrat betrug Goethes Ministergehalt 3 100 Taler im Jahr, damit gehörte der Dichterfürst zu den Spitzenverdienern jener Zeit. [...]

Ein liebevolles Abschiednehmen

Am 25. Mai 2018 feierte der Hospiz Verein Leipzig e.V. sein 25-jähriges Bestehen. Aber was ist ein Hospiz und worin besteht die Arbeit eines Hospizvereins? Diese Fragen stellte ich Sabine Reiß und Roland Haase.

Text: Heiko Rotter & Foto: Pixabay


Als ich den Leipziger Hospizverein im Mai kennenlernte, hatte ich wenig Wissen über Hospize und Trauerbegleitung. Also stellte ich meine Fragen zur Hospiz- und damit verbundenen Vereinsarbeit den Mitarbeitenden Vorort: Sabine Reiß ist seit 2012 im Verein tätig. Sie ist nicht religiös, wie viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind. Die Beschäftigung mit Sterben und Tod brachten sie dazu, für den Verein tätig zu werden. So besuchte sie die vorgeschriebene einjährige Weiterbildung im Hospiz. Roland Haase hingegen ist schon seit 2004 im Hospizverein tätig. Die Hospizarbeit war zunächst auch ein Fremdbegriff für ihn, doch die Neugier hat ihn zum Verein geführt. Seine damalige Grundhaltung war das Einlassen auf ein liebevolleres, menschlicheres und aufmerksameres Abschiednehmen.

Hospiz stammt vom lateinischen Wort hospitium, welches Herberge und Gastfreundschaft bedeutet. Die moderne Hospizbewegung und die Palliativmedizin entstanden in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in England und gehen wesentlich auf die Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders zurück, welche auch den Namen Hospiz prägte, wie Roland Haase berichtet. Es ist eine Einrichtung der Sterbebegleitung. Hospize haben es sich zur Aufgabe gemacht, unheilbar Kranke in ihrer letzten Lebensphase im Sinne einer palliativen Therapie zu versorgen. Diese zielt nicht mehr auf die Heilung einer Erkrankung ab, sondern darauf, Schmerzen oder sonstige nachteilige Folgen zu reduzieren.

Es gibt ambulante, teilstationäre und stationär tätige Hospizvereinigungen, also Leistungserbringer im hospizlichen und palliativen Bereich. Es geht beim Hospiz vor allem um die familiäre Unterbringung des Sterbenden. Früher fand das Abschiednehmen und Sterben im engeren familiären Kreis statt. In Zeiten der Industrialisierung ist es immer anonymer geworden. Heute sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Der Wunsch, zu Hause umgeben von seiner Familie zu sterben, ist dennoch bei vielen stark. Hospizvereine können hierbei unterstützen. [...]

Leipzigerinnen erzählen: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland

Am 19. Januar 1919 fand mit der Wahl der Deutschen Nationalversammlung die erste gesamtdeutsche Abstimmung statt, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht besaßen. Zuvor waren Frauen faktisch von demokratischer Partizipation und Gleichberechtigung ausgeschlossen. Die rechtliche Grundlage für die demokratische Mitbestimmung wurde am 12. November 1918 geschaffen. Dieses historische Datum feiert in diesem Monat sein 100-jähriges Jubiläum. Doch was bedeutet das Wahlrecht für Frauen heute? Wie nutzen sie diese und andere Möglichkeiten politischer Teilhabe? Das Projekt „Der lange Weg zur Demokratie für alle – 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ geht diesen Fragen mit einem bis Ende Dezember regelmäßig auf Radio Blau erscheinenden Podcast nach.

Text: Sandy Feldbacher & Foto: pixabay


Initiiert wurde das Projekt von der der Louise- Otto-Peters-Gesellschaft. Deren Vorstandsvorsitzende, die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Dr. Sandra Berndt, erzählt, dass bei der Projektidee mehrere Punkte zusammengekommen wären: „Zum einen finde ich es generell wichtig, sich aktiv an Demokratie zu beteiligen. Dazu kam, dass das Jubiläum der Einführung des Frauenwahlrechts für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft eine große Rolle spielt, weil wir insbesondere die frühe Frauenbewegung aufarbeiten und sich unsere Namenspatronin selbst für das Frauenstimmrecht ausgesprochen hat. Viele Errungenschaften der alten oder neueren Frauenbewegung werden heute vor allem von jüngeren Generationen als selbstverständlich angesehen und wenig hinterfragt. Andere Frauen haben vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation, in der wir uns durch einzelne Parteien befinden, durchaus Angst, dass bestimmte Errungenschaften ganz schnell wieder zurückgenommen werden könnten. Auch deshalb ist es wichtig, viele interessierte Menschen aufzuklären, wie in der Geschichte mit dem Frauenwahlrecht umgegangen wurde. Daran zu erinnern und zu mahnen, war ebenso Teil der Idee des Projekts. Zu guter Letzt soll natürlich gezeigt werden, wie Frauen sich heute demokratisch in die Gesellschaft einbringen“, erklärt Berndt.

Mit dieser Idee für das Podcast-Projekt, für das Frauen zu ihrer politischen Teilhabe und dazu, was sie beim Thema Wahlen bewegt, interviewt werden, bewarb sich die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft erfolgreich auf die Ausschreibung für das Jahr der Demokratie der Stadt Leipzig. Die Interviews werden durch so genannte Erklär-Podcasts mit Hintergrundinformationen zum Frauenwahlrecht angereichert. „Uns ist wichtig, dass wir eine breite Zielgruppe erreichen und versuchen deshalb das Ganze niedrigschwellig aufzubereiten“, sagt Sandra Berndt. „Und ich glaube, das Format Podcast ist ebenfalls recht einladend, nicht nur für die Jüngeren.“ Die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartner/innen – dem Stadtarchiv Leipzig, dem Geschichtsverein Leipzig, dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Hörfunk- und Projektwerkstatt Leipzig e.V., Radio Blau und dem Referat für Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Leipzig – entstand aus der Netzwerk- und Gremienarbeit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft heraus: „Wir kooperieren auf unterschiedliche Art, teilweise wird für das Projekt geworben, es werden über die Kooperationen aber auch Expert/innen-Stimmen für unsere Erklär-Podcasts eingeholt, und die Hörfunk- und Projektwerkstatt Leipzig unterstützt uns insbesondere bei der technischen Umsetzung und thematischen Aufbereitung. Das ist wahnsinnig hilfreich, sehr spannend und ein großer Gewinn.“ [...]

Identität vs. Globalisierung?

Wie die Welt zum Dorf wurde

„Globalisierung“ – dieser Begriff geistert nun schon seit einigen Jahren durch die Medienlandschaft und wird stets kontrovers diskutiert. Dabei gehen die Meinungen weit auseinander: Die Befürworter sehen in ihr die Möglichkeit zur kulturellen Annäherung, zum Austausch von Interessen und Werten und verbinden sie mit weltweitem Wirtschaftswachstum. Die Kritiker fürchten vor allem die Macht der „Global Player“, den Verlust von regionaler Vielfalt, Kultur und Identität sowie eine Vergrößerung der Schere zwischen Arm und Reich. Da wir in der aktuellen Ausgabe die Globalisierung und die damit verbundene Frage nach Identität thematisieren, ist es zunächst wichtig, diese Begriffe genauer zu betrachten und vielleicht mit einigen Unklarheiten aufzuräumen.

Text: Maria Schwaß & Foto: Pixabay


Der Begriff Globalisierung bezeichnet die Zunahme internationaler Verflechtungen, beispielsweise auf wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene sowie in Bezug auf Umwelt und Kommunikation. Diese Entwicklung kann sowohl Individuen untereinander betreffen, z. B. durch die weltweite Vernetzung durch soziale Medien, kann aber auch für ganze Gesellschaften, Staaten oder Institutionen gelten. Die Ursachen für die Globalisierung reichen zurück in das 19. Jahrhundert, in welchem die Grundlage für die heutige Reichweite von Kommunikation und Wirtschaft gelegt wurde. Durch erhebliche Fortschritte in Industrie und Technik zu Zeiten der Industriellen Revolution wurde es möglich, schneller und billiger Waren zu befördern, beispielsweise durch die Erfindung der Eisenbahn, des Automobils und des Flugzeugs. Dadurch internationalisierte sich der Handel und damit einhergehend wuchs man auch auf politischer Ebene zusammen. Besonders in den letzten 50 Jahren ist der Exporthandel weltweit massiv angestiegen und wird durch Liberalisierungen in der Handelspolitik, vereinheitlichte Produktionsnormen und Abschaffung von Binnenzöllen befördert.
Entscheidend ist heutzutage zudem vor allem die sogenannte „Digitale Revolution“ des ausgehenden 20. Jahrhunderts, welche uns ermöglicht, durch Computer, Smartphones etc. ständig Informationen weltweit abzurufen, uns über soziale Medien zu verbinden, womit teilweise eine Partizipation auf politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene ermöglicht wird. Auch im globalwirtschaftlichen Bezug sind Neuerungen im Softwarebereich und besonders in der Forschung an künstlicher Intelligenz ein treibender Faktor für die Globalisierung.

Sicher, diese internationale Vernetzung bringt einige Vorteile mit sich: Beispielsweise waren soziale Medien eins der wichtigsten Mittel zur Selbstermächtigung der Menschen während des Arabischen Frühlings und bringen auch andernorts Menschen in Massenbewegungen zusammen. Sie stellen also gewissermaßen mittlerweile eine neue Instanz der Macht, einen neuen Pfeiler der Demokratie dar. Auch internationale Organisationen wie die UNO oder NGOs wie Amnesty International können nur global agieren, weil die Welt vernetzt ist. Dadurch kann z.B. der Internationale Gerichtshof, welcher ein Teil der UNO ist, in Fragen des Völkerrechts international bindende Rechtsprüche erlassen und trägt dabei zur Umsetzung von Menschenrechten bei. [...]