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„Wir sind auch Menschen!”

An Bahnhöfen, auf Parkbänken und am Straßenrand: In Großstädten gehören Wohnungslose zum Stadtbild dazu. So sehr, dass sie oft kaum noch wahrgenommen werden. Und doch schauen nicht alle weg. Ein Einblick in den Alltag von Wohnungslosen – und denen, die ihnen in Berlin und Leipzig helfen wollen.

Artikel & Fotos: Fiona Böcker

Montag, kurz vor 17 Uhr vor dem Roten Rathaus in Berlin. Auf dem Vorplatz des imposanten Gebäudes spannen ein paar der knapp hundert Teilnehmenden Schirme auf, im Versuch, sich vor dem beginnenden Platzregen zu schützen. Es ist ziemlich kalt. Am offenen Mikrofon der Demo spricht fast durchgehend jemand. Gerade erzählt Andi dort, er sei Niederländer – „oder wie ihr immer sagt, Holländer” – und seit Jahren in Berlin auf der Straße. Ja, man müsse Obdachlosigkeit loswerden, sagt er, aber „nicht mit einer Knarre”. Laut ruft Andi: „Wir sind auch Menschen! Wir sind kein Müll!”

LWB: Zwischen Bauen & Bangen

Da standen ein Superlativ, ein sorgenvoller Blick nach Dresden, eine Bilanz mit Ausblick und ein Immobilien-Deal jüngst im Fokus der Jahrespressekonferenz der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB). Jedenfalls steht das kommunale Unternehmen trotz schwieriger gewordener Rahmenbedingungen zu seiner Verantwortung, breite Schichten der Leipziger Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen, wie es formuliert. Insgesamt hat die LWB in den letzten fünf Jahren rund 1000 neue Wohnungen geschaffen.

Text: Björn Wilda

Im Unterschied zu anderen Wohnungsunternehmen in Leipzig habe das städtische Unternehmen seine Bauaktivitäten nicht gestoppt, sondern die Weichen für weiteres Wachstum gestellt, konstatierte Doreen Bockwitz, LWB-Geschäftsführerin für Wohnungswirtschaft und Bau. Gleich vier NeubauProjekte stehen jetzt vor der Vollendung.

Leipzig setzt ein Zeichen: Die Aktionswoche der seelischen Gesundheit startet

Vom 10. bis 20. Oktober 2025 findet in Leipzig eine groß angelegte Aktionswoche zur seelischen Gesundheit statt. Organisiert von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Leipzig, der Stadt Leipzig und dem Leipziger Bündnis gegen Depressionen, steht die Woche unter dem Motto „Psychisch stark in die Zukunft – Leipzig lässt Zuversicht wachsen“. Ziel ist es, das Thema sichtbarer zu machen und in die Mitte der Stadtgesellschaft zu tragen.

Text: Antje Gringmann & Foto: Woche der seelischen Gesundheit

Dr. Sven Speerforck, leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitorganisator der Aktionswoche, erklärt, dass es in Leipzig bislang vergleichsweise wenig Aktivitäten zur Aktionswoche seelischer Gesundheit gab und man dies mit einem gut vernetzten Gesamtprogramm ändern wolle. Die Initiative ist Teil eines wissenschaftlich begleiteten Modellprojekts (MASE), das bundesweit erforscht, wie solche Aktionswochen organisiert und weiterentwickelt werden können.

„Hard to reach“ – Schwierige Annäherungen

Wie kann man schwer Erreichbare erreichen? Wollen sie überhaupt erreicht werden? Fragen, die sich der Fachtag zu Möglichkeiten und Grenzen in der Psychiatrie, Sucht- und Wohnungslosenhilfe vor wenigen Wochen im Neuen Rathaus gestellt hat. Veranstaltet wurde dieser Fachtag vom Gesundheitsamt und dem Sozialamt der Stadt Leipzig in Kooperation mit dem Klinikum St. Georg und dem SZL Suchtzentrum Leipzig. Allein diese Vielzahl deutet hin auf die Komplexität des Themas und dass es nur in Partnerschaft bzw. im Verbund und mit viel Geduld angegangen werden kann. Doch die Tagung zeigte auch: Zweifel bleiben.

Text: Björn Wilda

Sozialarbeiter, Streetworker, Mediziner, Betreuende usw. werden in Bezug zu ihren Klienten bzw. Patienten immer wieder mit dieser fatalen Kette konfrontiert: Mietschulden – Wohnungslosigkeit – Obdachlosigkeit – Drogen und Alkohol – gesundheitliche Probleme – psychische Störungen – Ausgrenzung – Aggressivität – Verweigerungshaltung. Also schwer zu erreichen – „Hard to reach“. Unter diesem Titel hatte Karsten Giertz,Geschäftsführer beim Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e.V., ein Buch herausgegeben und stellte nun vor den rund 120 Teilnehmenden in seiner Rede fest: „Die zunehmende Stigmatisierung und wachsende Ausgrenzung besorgt mich.

Gedenken an Susann K. – Femizide stoppen

In Leipzig-Reudnitz ist Mitte August 2025 eine 42-jährige Frau, die zweifache Mutter Susann K., mutmaßlich von ihrem früheren Lebensgefährten getötet worden. Der Mann, gegen den bereits ein Kontakt- und Annäherungsverbot bestand, drang in die Wohnung seiner ehemaligen Partnerin ein und attackierte sie dort mit einem Messer. Die Frau erlag noch am Tatort ihren schweren Verletzungen. Ihr zehnjähriger Sohn, der ebenfalls verletzt wurde, überlebte mit schweren Stichwunden.

Text: Marie Miggelbrink und #KeinMehr Leipzig & Foto: Anh Nguyen/Pexels

Susann ist kein Einzelfall. Laura wurde wenige Tage zuvor mutmaßlich von ihrem Partner in Weißenfels ermordet. Die Aktivist*innen des Bündnisses #KeineMehr Leipzig dokumentieren seit 2011 Femizide in Leipzig und erinnern an die Opfer: Erinnern heißt kämpfen! Angeklagt werden nicht nur die Täter, sondern auch eine Gesellschaft, die männliche Gewalt normalisiert oder gar als Akt der Liebe romantisiert. Deren Rechtssystem die Opfer vereinzelt und die darunterliegende Struktur patriarchaler Gewalt nicht benennt. Eine Gesellschaft, die Frauen nicht vor Gewalt schützt. Viele der Opfer versuchten sich vorher Hilfe zu holen. Anzeigen wegen erlebter Gewalt, Bedrohung und Stalking gingen voraus. Annäherungsverbote wurden teilweise bewirkt. Effektiv geschützt wurden sie nicht.