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Wind zieht von allen Seiten

Auf der Suche nach einer Unterkunft – eine wahre Geschichte

Der Wind zieht von allen Seiten, es beginnt zu schneien und die Kälte dringt durch meine gefütterten Schuhe, schon bald auch durch meine Socken.
Seit Stunden laufe ich ein und dieselbe Straße entlang, ich kann ihr Ende nicht erblicken, es scheint, sie würde den Horizont küssen, bevor sie dicht umschlungen ineinander verschmelzen.
Autos fahren vorbei, im dichten Schnee wirken sie fast besinnlich, lautlos, und nicht ein Hauch von Stress geht von ihnen aus. Nur ein Schauspiel kleiner verspielter Flocken, die sich im Scheinwerferlicht sonnen, bevor sie sich als weiße Decke in ihrer vollkommenen Schönheit über alles legen, was auf der Erde seinen Ursprung findet.

Der Schnee lichtet sich und die Sonne kommt aus ihrem verschlafenen Versteck hervor. Die herabstürzenden Sonnenstrahlen reflektieren vom Boden und preschen hinauf in den endlichen von Freiheit strebenden Himmel. Alle Himmelsrichtungen erstrahlen in einem unschuldigen Glanz. Mit einem Mal scheint alles unangetastet, fast jungfern. Jeder Schritt ist der erste und jeder Schritt bleibt bestehen. Vielleicht als Erinnerung oder als Vermächtnis.
Es geht voran, eine Kreuzung nähert sich mit großer Geschwindigkeit. Straßenschilder ohne Bedeutung an allen Ecken. Denn in diesen Tagen ist es nicht wichtig, wohin es führt. Der Weg ist das Ziel.

Der Schnee verweht die Straße, die Bäume, Sträucher, und kleine Nagetiere erblicken aufs Neue die Welt. Am Himmel ziehen bedrohlich dunkle und tief hängende Wolken auf. Der Glanz ist dahin, Regen liegt in der Luft, für einen kurzen Moment Stille, ein Windstoß gen Osten, ein rasendes Auto fliegt vorbei und schon geht’s los. Der Regen fällt vom Himmel wie ein Gesandter, er spült alles rein, was vom Schnee als Schlamm, Moder und Morast zurückgeblieben ist.
Es ist schwer geworden voranzukommen, durchnässt bis auf die Knochen und von Kälte geplagt. Ich gehe noch ein paar Meter, bis ich mir eingestehen muss, dass es vorerst keinen Sinn hat weiterzumachen! Überall fallen Tropfen auf den Boden, wobei sie zerschellen und aus ihnen Fontänen hervorkommen, die bunt durcheinander tanzen, in einem Chaos feiern, bis sie sich immer mehr zu einer Einheit formen, dem reißenden Fluss. [...]

Wenn Eierjockel ruft…

Wie Klein Marieke zu Hause das Osterfest erlebt

Hallo, liebe Leser, ich heiße Marieke, bin sechs Jahre alt, komme bald in die Schule und lebe mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester in Bautzen. Das ist eine wunderschöne, alte Stadt mit vielen Türmen – einer davon ist sogar schön schief. Das ist der Reichenturm am Ende der Fußgängerzone. Papa meint, der sei zwar nicht so schräg wie der von Pisa, aber immerhin! Jedenfalls kann man von diesem Turm aus auf unsere Stadt blicken, auf die Wasserkunst, auf die Ortenburg mit ihrem Sorbischen Museum und auf die Berge der Oberlausitz, die die Stadt umgeben.

Die Großeltern kommen
Zwar sind wir schon in den Bergen hier um unsere Stadt gewesen, aber so viel Laufen da draußen find ich doof. Lieber bin ich in der Stadt unterwegs, gucke in die Schaufenster oder scheuche Tauben auf, die sich am Brunnen vor dem Rathaus versammeln. Meine große Schwester tippt LEBEN sich dann immer an die Stirn und meint schnippisch, wie klein ich doch noch wäre. Pah, dabei ist sie gerade mal vier Jahre älter, macht aber schon auf Dame! Aber wenn wir an einem Eisgeschäft vorbekommen, gibt es auch für sie kein Halten mehr und beide bedrängen wir unsere Eltern. Papa zögert und Mama sagt lächelnd: „Nun mach schon.“ Papa seufzt und zückt das Portemonnaie, gibt das Geld meiner Schwester und wir stürzen los. Bei unseren Großeltern brauchen wir nicht betteln, das geht immer ganz fix mit Eis oder mit Süßigkeiten. Oma meint immer: „Um die Erziehung sollen sich die Eltern kümmern, wir sind zum Verwöhnen da.“

Unsere Großeltern. Sie leben in Leipzig und arbeiten am Theater, genau wie meine Eltern hier in Bautzen, das sich Deutsch-Sorbisches Volkstheater nennt. Mit uns haben Oma und Opa hier in unserer Stadt schon allerhand erlebt. Es gibt einen Termin, da sind die beiden auf alle Fälle bei uns zu Besuch: das ist während des Osterfestes. Es wird hier bei uns in der Lausitz ganz groß begangen und wird von vielen Bräuchen begleitet.

Der Höhepunkt ist natürlich das Osterreiten, und man glaubt, die halbe Republik weilt in Bautzen. Opa schaut auf die Autoschilder, als wir unterwegs sind. „Berlin, Aachen, Bamberg, Hamburg, Magdeburg…“, murmelt er dabei. Und Papa meint, dass jedesmal viele zehntausende Besucher in unsere Stadt kommen würden, weil sie Ostern hier so toll finden. Schon lange bevor das Osterreiten am Petri- Dom am Ostersonntag 10 Uhr startet, sind die Straßen dicht gesäumt. Vom Dom hängen lange Kirchenfahnen und die Glocken läuten.
Mit dieser Kirche habe es etwas Besonderes auf sich, erzählte mir mal meine andere Oma, die wie wir auch in Bautzen lebt. Dort beteten katholische und protestantische Christen, deshalb sei die Kirche im Inneren geteilt und man nenne sie deshalb auch Simultankirche. Komisch, können die nicht gleich alle gemeinsam beten? [...]

Eine Liebeserklärung…

Tranzyt und schöne Berge - Was die Leipziger Buchmesse in diesem Jahr uns bietet

Der 100. Gedenktag des Ersten Weltkrieges rückt dieses Jahr in den Fokus, da Polen, die Ukraine und Belarus durch ihr geschichtliches Gedächtnis eng mit diesem Thema verbunden sind. Trotzdem hat es den Anschein, als würde der Erste Weltkrieg gerade in der Ukraine und Belarus heute weitgehend ausgeblendet. Wie kommt das? Welche Rolle spielt der Erste Weltkrieg in den Diskursen dieser Länder? Wie weit hat der Krieg die Literatur beeinflusst? Historiker und Publizisten wie Yaroslav Hrytsak, Robert Traba oder Uladzimir Lachouski werden darüber diskutieren und auch, wie der Krieg die hiesige Literatur beeinflusst hat.

In einer zweiten Veranstaltung zu diesem Thema soll, in Kooperation mit Traduki (S. Fischer Stiftung), an wichtige, im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannte oder vergessene osteuropäische Autoren aus jener Zeit erinnert werden, wie etwa den serbischen Schriftsteller Miloš Crnjanski oder den weißrussischen Romancier Maksim Harecki. Zwischen den Lesungen literarischer Texte sprechen Autoren wie Juri Andruchowytsch (Ukraine), Svetlana Slapšak (Serbien/Slowenien), Vera Dziadok (Belarus) und Selvedin Avdić (Bosnien und Herzegowina) über die Erfahrungen und Folgen des Krieges.

Zwischen Wut und Hoffnung
Allgemein ist die Literaturszene unserer östlichen Nachbarn kulturell und stilistisch äußerst interessant; „tranzyt“ fördert den gegenseitigen Austausch und das Kennenlernen zwischen diesen Autoren und Literaturliebhabern, Verlegern und Übersetzern aus Deutschland.
„Das gesamte tranzyt Programm ist kulturell und politisch äußerst spannend, nicht nur für Literaturliebhaber, sondern auch für deutsche Verleger, Buchhändler und Übersetzer“, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. „Alle drei Länder haben exzellente Autoren, die es lohnt, einer breiteren Öffentlichkeit hierzulande vorzustellen.“.
Martin Pollack, wiederum Kurator des Programmschwerpunktes, verweist auf das aktuelle Geschehen: „Die dramatischen Ereignisse in der Ukraine, in denen Hoffnung, aber auch Empörung, Begeisterung, aber auch Wut zum Ausdruck kommen, zeigen einmal mehr, wie wichtig es ist, die Vorgänge in der östlichen Hälfte Europas aufmerksam und anteilnehmend zu beobachten. Sie gehen uns direkt an.“

Von den neuen Namen, die 2014 vorgestellt werden, seien hier einige herausgegriffen: So Szczepan Twardoch aus Polen, dessen Roman „Morphin“ im März, rechtzeitig zur Buchmesse, erscheinen wird. Außerdem dabei ist die ukrainische Autorin Oksana Forostyna, die mit ihrem Debutroman „Duty free“ in ihrer Heimat Furore gemacht hat (es gibt noch keine deutsche Übersetzung), ebenso wie die weißrussischen Schriftstellerinnen Vera Burlak und Maryia Martysevich, die einmal mehr unter Beweis stellen, dass Belarus auf dem Gebiet der Lyrik viel zu bieten hat.

Gefeit gegen Rechts?
Rechte Bewegungen sind keineswegs nur im östlichen Europa bekannt, sondern auch in Deutschland und anderswo. Sie zeichnen sich aus durch ein fatales Gemisch aus Nationalismus, Fremdenhass, Antisemitismus, einem marktfeindlichen Populismus usw. Ihren Nährboden bilden nicht selten Arbeitslosigkeit und soziale Benachteiligung. Wie reagieren die Gesellschaften in der Ukraine und Polen auf solche Bewegungen, die sich gern auf Vorbilder aus der Vergangenheit berufen? Wie reagieren Autoren auf diese Bedrohung der demokratischen Gesellschaft? In Belarus existieren keine rechtsradikalen Formationen – aber bedeutet das, dass es keinerlei Ansätze zu so einem Denken gibt? Ist die Gesellschaft, auch die Literatur, tatsächlich dagegen gefeit? Der dritte Schwerpunkt des Programms nimmt sich diesem Thema an. [...]

„Leipzig wächst nachhaltig“

Interview mit Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD)

KiPPE: Herr Jung, Sie haben nach Ihrer Wiederwahl inzwischen ein Jahr hinter sich gebracht. Welche wichtigsten Aufgaben stehen in der verbleibenden Amtszeit noch vor Ihnen?
Jung: Die größte Herausforderung ist, dass wir ab 2020 ohne Solidarmittel aus dem Aufbau Ost auf eigenen Füßen stehen müssen. Erster Punkt: Wenn die Wirtschaft wächst, können wir mehr Steuereinnahmen generieren. Was wir uns heute leisten, wollen wir uns auch weiterhin leisten können und soll zu einer immer besseren, nachhaltigen Lebensqualität führen. Aber ohne Wirtschaftswachstum, ohne Wirtschaftsentwicklung wird uns das nicht gelingen.
Zweitens: Unsere Stadt muss noch attraktiver werden, vor allem für junge Menschen und Familien, damit sie hier Perspektiven haben. Das heißt, noch mehr Einwohner sind gut für Leipzig. Das alles fasse ich zusammen unter: Leipzig wächst nachhaltig.

Wie aber vereinbart sich das mit Leipzigs Image als Billiglohn-Standort?
Ganz entscheidend ist, wie man in der Öffentlichkeit auftritt, und in der Tat haben wir viele Jahre geworben mit niedrigen Lohnkosten. Das war in den Aufbaujahren auch richtig und wichtig, doch das Blatt beginnt sich zu wenden. Die Arbeitslosigkeit geht spürbar zurück, weil die Wirtschaft wächst. Inzwischen ringen viele Branchen vor allem um junge Fachkräfte. Damit wächst die Chance, ganz offensiv mit einem attraktiven Standort zu werben, was wir auch tun. Daneben erhoffe ich mir von der Einführung des Mindestlohns auch deutlich mehr Stabilisierung innerhalb des Lohngefüges und damit natürlich weniger Ausgaben im Sozialbereich. Das kann für Leipzig nur gut sein.

Die Wirtschaft jedoch klagt, dass der Mindestlohn Arbeitsplätze gefährden würde…
Ach, wissen Sie, schon jetzt liegen über 80 Prozent des Einkommensgefüges über dem Mindestlohn. Sicher, in einigen Bereichen, wie beispielsweise im Friseurhandwerk oder im Bewachungsgewerbe, sind wir noch davon entfernt. In diesem Zusammenhang halte ich es für einen gesellschaftlichen Skandal, dass Menschen, die 40 Stunden und mehr in der Woche arbeiten, von dieser Arbeit nicht leben können, ohne weiter subventioniert zu werden. Doch in dem Moment, wo es wirtschaftlich vorangeht, wo die Binnennachfrage steigt, weil die Menschen wieder mehr im Portemonnaie haben, wird es auch spürbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Wenn wir mehr in der Tasche haben, so sollten wir auch bereit sein, für bestimmte Produkte und für bestimmte Dienstleistungen einen höheren, aber auch bezahlbaren Preis zu zahlen.

Kommen wir zu einem anderen Thema, das vor allem Kinder und Jugendliche betrifft. Unter den Leipziger Jugend- und Freizeittreffs und deren freien Trägern gab es großen Aufruhr wegen drohender Schließungen von Einrichtungen aufgrund Etatkürzung. Zwar wurde dies wieder zurückgenommen, doch die Unsicherheit bleibt. Wie soll es weitergehen?
Zugegeben, der Vorschlag aus der Verwaltung, rund 1 Millionen Euro zu streichen, war sehr hart. Das habe ich dann korrigiert und zurückgenommen. Aber das entlässt uns nicht aus der Pflicht, die Frage nach der Passfähigkeit der Angebote zu diskutieren. [...]

Heiße Stimmung, warme Jacken

Das Leipziger Neujahrssingen 2014 – ein Rückblick

Zum Jahresbeginn enterten die Leipziger Szene-Gastronomen und Medienvertreter mittlerweile zum achten Mal die Bühne des Ankers und traten als Stars und Sternchen der Popgeschichte ins Rampenlicht. Trotz der Wiederholung brachte auch die 2014er Version frische und unerwartete Höhepunkte hervor und unsere Straßenzeitung feierte gleich mehrere Premieren auf und hinter der Bühne…

Eigentlich ist es jedes Jahr dasselbe Spiel: Bevor die Band und die Sängerinnen – diesmal Jasmin Graf und Berivan Kernich – in den Background treten, geben sie – diesmal mit Katy Perrys „Fireworks“ – schon einmal alles. Das Moderatoren-Duo Maike Beilschmidt (Produzentin des Neujahrssingens) und Mark Daniel (LVZ-Kulturredakteur) führte zum zweiten Mal durch den Abend und trug auch gemeinsam wieder ein verliebtes Duett vor. Außerdem gehören zu den Standards der Publikumsbeitrag, bei dem eine Zuschauerin einen Schlager zum Besten geben darf, und der Konfettiregen beim Finale. Soweit, so langweilig könnte man meinen, doch weit gefehlt: Jedes Jahr ist neu und anders durch die großartigen Leistungen der Gastro- und Medienvertreter/innen und jedes Jahr gelingt es den Beteiligten aufs Neue, den Saal im Anker zum Brodeln zu bringen. Doch richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Höhepunkte der erneut an zwei Abenden stattfindenden Traditionsveranstaltung:
Eine grandiose Show lieferten Barbie und Ken aus der Bar „Froelich & Herrlich“ des Lindenfels Westflügels. Einen so unterhaltsamen Trash-Beitrag hätte man vom hochangesehenen Figurentheater vielleicht nicht erwartet. Die beiden legten sich mit überdimensionierter pinkfarbener Schleife im Haar, rosa Cowboyhut, Quietsch-Stimme, süffisanten Blicken und Twerkling a la Miley Cirus voll ins Zeug und entlarvten mit dem Eurodance-Hit „Barbie Girl“ auf satirische Weise die geheimen erotischen Seiten des Puppenpaares, die die Spielzeugfirma Mattel einst zu einer Klage gegen die Band Aqua reizte. Großartig!
Einen gesanglichen Höhepunkt bot Michael Bötig vom Tonelli’s als Michael Jackson – nah dran am Original, inklusive Moonwalk – was will man mehr von einer Performance des King of Pop?!
In den ruhigeren Gefilden überzeugten Dietrich Enk vom Centralpalast als Johnny Cash, Bono aus dem Beyerhaus mit viel Herzblut und Jörn Drews vom Ilses Erika als Lou Reed. Letzterem merkte man die eigene Bühnenerfahrung an: Locker, souverän und mit vornehmer Zurückhaltung präsentiert er den Klassiker „Walk on the Wild Side“, der das Publikum auf angenehme Weise für einen Moment erdete. [...]