Die Hitze Ende Juni 2026 hat Leipzig und weite Teile Deutschlands an Grenzen geführt. Rekordtemperaturen von über 40 Grad und die einhergehende Frage, wie urbanes Leben unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich ist, beschäftigen uns Leipziger*innen. Wir haben mit Dr. Karsten Haustein vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig gesprochen. In diesem Gespräch erklärt er, was hinter dieser Hitzewelle steckt, wie wir in Zukunft damit besser umgehen können und warum er in der aktuellen Lage für radikale Solidarität plädiert.
Text: Heiner Uebbing & Fotos: Diana Richter
KiPPE: Dr. Haustein, wir erlebten vor kurzem eine Rekordhitzewelle mit Temperaturen jenseits der 40 Grad. Was passiert da physikalisch in der Atmosphäre und müssen wir uns jetzt jedes Jahr auf solche Extremphasen einstellen?
Dr. Karsten Haustein: Pro Grad Erwärmung kann die Atmosphäre etwa 7 % mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Über Land verdunstet zwar mehr, aber nicht genug, um diese Steigerung sofort aufzufüllen. Es entsteht ein Defizit. Zudem sehen wir häufiger sogenannte Inversionen oder einen „Deckel“. Heiße Luftmassen, oft aus der Sahara über das Mittelmeer zu uns transportiert, schieben sich in der Höhe über uns. Dieser Deckel ist so stabil, dass die ausgetrocknete Luft am Boden ihn nicht durchbrechen kann, um Gewitterwolken zu bilden. Wir erleben dann sogenannte „Elevated Convection“: Es gewittert quasi ‘abgehoben‘ und der Regen verdunstet in der trockenen Luftschicht, bevor er den Boden erreicht. Dürre und Starkregen sind somit zwei Seiten derselben Medaille: Es dauert viel länger, bis es regnet, aber wenn die Barriere bricht, eskaliert es viel schneller. Die jüngste Hitzewelle wurde durch ein massives Omega-Hoch verursacht – eine Konstellation, bei der sich Hochdruck über Europa ausbreitet, beidseitig flankiert von Tiefdruck. Aktuell ordnen wir diesen Extremfall so ein, dass er etwa alle 20 Jahre in dieser Stärke im Sommer vorkommt. Zuletzt war das im Rekordsommer 2003 der Fall, als wir zum ersten Mal die 40 Grad im Breisgau geknackt haben, aber in der Zwischenzeit hat sich unser Klima ja weiter erwärmt. Das führt dazu, dass wir jetzt zum ersten Mal in der aufgezeichneten Geschichte drei Tage in Folge über 40 Grad in Deutschland gemessen haben, auch bzw. gerade hier im Osten. Wäre dieses Omega nur vier Wochen später im Juli aufgetreten, hätten wir möglicherweise über 45 oder sogar 47 Grad gesehen. Wegen der kontinuierlichen, generellen Erwärmung wird die Frequenz solcher Hitzephasen auch ohne Omega in den nächsten Jahrzehnten massiv zunehmen; was jetzt alle 20 Jahre kommt, könnte uns bald alle fünf bis zehn Jahre bevorstehen.
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