Titelthema: Handwerk hat Zukunft
Ein Hut, ein Stenz, ein Geselle - „Tippelei“ - Leben und Lernen auf der Straße
Seit dem Mittelalter wandern Gesellen nach Abschluss ihrer Lehre, um bei verschiedenen Meistern ihrer Zunft zu arbeiten und somit nicht nur ihren fachlichen sondern auch weltlichen Horizont zu erweitern. Ursprünglich begaben sich Gesellen fast aller Handwerksberufe und insbesondere des Bauhandwerks auf Wanderschaft. Die Zünfte schickten die jungen Handwerker in andere Städte, um den Arbeitsmarkt vor Ort zu regulieren. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts besaß die Gesellenwanderung Kontinuität. In der NS-Zeit wurden die Gesellenvereinigungen, Schächte genannt, und die damit einhergehenden Bräuche verboten. Nach dem Krieg lebte die Wandertradition wieder auf. Jedoch wurde sie in der DDR aufgrund der Unkontrollierbarkeit bald wieder verboten.
Seit Mitte der 90er Jahre erfreut sich die Tradition der reisenden Handwerker steigender Beliebtheit. Heute wandern Gesellen aus über 20 verschiedenen Handwerksberufen weltweit. Zur Zeit sind etwa 500 Frauen und Männer zünftig unterwegs und bieten ihre Arbeit nicht nur im Baugewerbe sondern auch als Buchbinder, Goldschmied oder Schneider an. Mit der Wanderbewegung entwickelte sich eine eigene Kultur, reich an Zeremonien und Ritualen, die bis heute überdauert haben und zum großen Teil nur mündlich weitergeben werden.
Das Fernweh lockte
Philip aus Berlin ist gelernter Zimmermann und seit über zwei Jahren als reisender Handwerker unterwegs. Bei der sehr bildhaften Schilderung seiner Reiseerlebnisse benutzt der 29-Jährige immer wieder Begriffe aus der traditionellen Sprache der Wandergesellen, dem Rotwelsch. Soziale Randgruppen und fahrendes Volk entwickelten vermutlich im 13. Jh. eine Art Geheimsprache, wobei viele Wörter jiddischen oder hebräischen Ursprungs sind. Bis heute sprechen die Gesellen bei der Arbeitssuche auf traditionelle Weise und unter Ausschluss Dritter vor. Anhand des Vorsprechrituals konnte sich der Arbeitssuchende früher als wahrer Geselle „ausweisen“.
Der Entschluss auf Wanderschaft zu gehen, reifte bei Philip bereits während seiner Lehrzeit. Ihn beeindruckten das Wissen und die Erfahrung der Altreisenden, zudem lockte ihn das Fernweh: „Berlin ist nicht alles auf der Welt!“. Ehemals reisende Gesellen, welche nun „einheimisch“ sind, machten Philip mit den Bräuchen und Regeln der Wanderschaft vertraut. Er schloss sich der Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“ an und muss nun mindestens drei Jahre und einen Tag zünftig reisen. Als zünftig Reisende werden nur Wandergesellen bezeichnet, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie besitzen einen Gesellenbrief, sollten bei Beginn der Wanderschaft nicht älter als 30 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos, unverschuldet und nicht vorbestraft sein. Während der Wanderzeit darf Philip die Bannmeile von 50 km um seinen Heimatort Berlin nicht überschreiten. Die ersten 2 bis 3 Monate der Reisezeit gelten als „Vogtburschenzeit“, eine Art Probezeit. In dieser Phase begleitet ein Altreisender den Wandergesellen, bis dieser den Wunsch äußert, nun selbständig weiterzuziehen. [...]
